Essad Beys “Die Geschichte meines Lebens”

Aus: Die literarische Welt, 7/1931

Lebensläufe von heute

Essad Bey

Die Geschichte meines Lebens

Vorerst: ich hasse offene Bekenntnisse, verkündete Ideale und die Jugend, zu der ich, dem Alter nach, selbst gehöre. Das Erste: weil offene Bekenntnisse meistens nur geschmacklose Versuche sind, sich selbst zu verherrlichen. Das Zweite: weil Ideale dazu da sind, um verschwiegen zu werden. Das Dritte: weil die mo­derne Jugend dem Alten, von dem sie physisch und geistig lebt, verächtlich den Rücken kehrt und dabei naturgemäß der Barba­rei verfallen muss.

Ich liebe: alte Leute, gleichviel welcher Konfession, Nation oder Parteizugehörigkeit, den Anblick der flachen, grauen, an­geblich so trostlosen Wüsten, die durch keinen Baum verunstal­tet sind — und die Wappen sämtlicher Kaiserreiche der Welt. Das Erste: weil die alten Leute meistens ruhiger, klüger und beschei­dener sind als die jungen. Das Zweite: weil sich beim Anblick der Sandwüste mein Auge erholt. Das Dritte: weil ich im Wap­pen eines Kaiserreiches die Verheißung einer besseren Zukunft der Menschheit erblicke.

Dieses als Vorbemerkung.

Geboren …? Aber schon da beginnt das Problematische mei­nes Daseins. Die meisten Leute können ein Haus oder zumindest einen Ort angeben, in dem sie geboren sind. Zu diesem Ort beziehungsweise zu diesem Hause pilgert man dann in den alten Tagen, um sich biederen Reminiszenzen hinzugeben. Um mich den besagten Reminiszenzen hinzugeben, müsste ich zum Wagen eines D-Zuges pilgern. Ich bin während des ersten rus­sischen Eisenbahnstreiks mitten in der russischen Steppe zwi­schen Europa und Asien geboren, als meine Mutter von Zürich, dem Sitze der russischen Revolutionäre, nach Baku, dem Wohn­sitze meiner Familie, reiste. Am Tage meiner Geburt erließ der Zar sein Manifest, in dem er den Russen die Verfassung ge­währte. Am Tage meiner Ankunft in Baku stand die Stadt in Flammen der Revolution und der Metzeleien des Pöbels. Ich selbst musste zu meinem Vater in einem Trog gebracht werden, worauf mein Vater mich samt meiner Amme hinausschmeißen wollte.

So begann mein Dasein.

Vater: Ölindustrieller; Mutter: radikale Revolutionärin; ich selbst also von Geburt aus dazu bestimmt, beides in mich auf­nehmend, liberaler Kapitalist zu werden. Dazu ist es aber nie ge­kommen. Die ersten Kindheitseindrücke: die Bohrtürme mitten in der flachen, öden Sandwüste, der Gesang des Muezzins in der Moschee und der verfallene maurische Palast der alten Herrscher. Diesem Palast galt meine Liebe. Er erhob sich mitten im alten asiatischen Stadtteil und wurde von der gesamten ölgierigen Menschheit von Baku verachtet. Mein Vater, der vierzig Jahre in Baku verbracht hatte, wusste kaum etwas von seiner Existenz. Ich entdeckte ihn für mich selbst und verbrachte dann endlose Stun­den im Gerichtshof der alten Fürsten von Baku, am mächtigen, arabeskenverzierten Tor den Thronsaales, zwischen den zerfalle­nen Säulenkolonnen und unverständlichen Inschriften. Die Liebe zum alten, ungepflegten Schloss wuchs allmählich zur Liebe für die Menschen, die in das Schloss gehören. Um den Palast der alten Khane, um die Stadt zog sich die Wüste. Mit acht Jahren saß ich unbeweglich und faul auf dem Dach unseres Hauses und machte Verse über beides, die Wüste und den Palast. Beides wurde für mich zum Inbegriff einer stillen, alten, schweigsamen Größe, von der die Menschen um mich herum keine Ahnung hatten.

Jeden Sommer, von meinem zweiten Lebensjahre an, reiste ich nach Deutschland. Dort gab es weder Wüsten noch ungepflegte Ruinen. Die Menschen trugen einen Scheitel, waren immer gewaschen und hatten blaue Augen. Die stillen Korridore der deutschen Hotels, die lautlosen Diener und die Butterbrote in den Händen der Gepäckträger flößten mir grauenhafte Angst ein. Es war die Angst vor dem unbekannten, unverständlichen, modernen Leben. Dann kam der Krieg und die Deutschland­reisen hörten auf.

Kriegsjahre? Ich habe von ihnen wenig verspürt; meine Er­zieherin war eine Deutsche. Ich sprach mit ihr deutsch und hoffte mit ihr zusammen, dass die Deutschen siegen und in Baku ein­ziehen werden. Ich versprach mir davon einen einzigartigen Skandal, Straßenkämpfe, Schüsse, Unordnung und etliche angenehme und erfreuliche Dinge. Diese angenehmen und erfreu­lichen Dinge kamen von einer anderen gänzlich unerwarteten Seite. Die Revolution brach aus, als ich 13 Jahre alt war, und mit ihr begannen die heiß ersehnten Straßenkämpfe, Skandale und Unordnung. Vom Tage der Abdankung des Zaren an wurde ich zuerst nur gefühlsmäßig aus Mitleid für die gefallene Größe, dann immer bewusster, ein entschiedener Monarchist, was aber keineswegs mit der bolschewistischen Enteignung der Ölquellen zusammenhing. Es folgten die zügellosen Jahre der Revolution und des Bürgerkrieges. Straßenkämpfe. Blutige Leichen bedeck­ten die die Straßen Bakus; vielleicht mehr als die Straßen irgend­einer anderen Stadt des alten Zarenreiches. Dann kommt die Flucht, zuerst nach Turkestan und Persien, wo ich beim Anblick der Wüsten beinahe die ganze Revolution vergaß, dann eine kurze Wiederkehr in die Heimat und zuletzt wieder die bol­schewistische Invasion. Ich fliehe. Mein Vater folgt mir. Einige Stunden verbringe ich in der Tscheka, werde dann mit Hilfe einer kleinen Lüge freigelassen und setze die Flucht fort. Aber hinter der damaligen Grenze des Bolschewistenreiches, in Geor­gien, werde ich als Agent der Dritten Internationale wieder für einige Stunden verhaftet. Dann folgt eine kurze Erholung von den roten Plakaten, von zwangsweisem kollektivistischen Glück und dem Terror. Die Erholung dauert nur wenige Monate. Die bolschewistischen Truppen rücken heran. Wir fliehen wieder, diesmal nach Konstantinopel, wo ich zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Revolution zu denken und zu fühlen beginne. In Konstantinopel regt sich das Alte wieder. Ich pilgere zu den Mo­scheen, zum Palast des Sultans, zu dem allwöchentlichen Selamlik. Der Sultan, der damals mehr Titel als unter seiner Herrschaft stehende Kilometer hatte, flößt mir dieselben Gefühle des Mit­leids und der Ergebenheit ein wie einst der Zar. Am Bosporus vergesse ich allmählich das brennende Gefühl des Hasses, das in mir in den Tagen der Revolution jeder Arbeiter, jeder radikale Politiker schon allein durch seine Existenz erweckt hatte. In mir entsteht das erste Bedürfnis, die monarchistische Überzeugung vernunftmäßig zu rechtfertigen. Diese erste Rechtfertigung ist denkbar einfach: Es kommt nicht auf die Regierungsform, son­dern auf die Regierungsart an. Je weniger eine Regierung ver­sucht, mich glücklich zu machen, desto wohler fühle ich mich. Die Erfahrungen der bolschewistischen Revolution und der zwangsweisen Glücklichmachung haben mir diese Weisheit ge­geben. Von diesem Standpunkt aus ist die Frage, ob Monarchie oder Republik, gänzlich gleichgültig. Doch ist die Monarchie immerhin vorzuziehen, weil sie trotz allem weniger Schatten­seiten besitzt als sämtliche nichtmonarchistischen Regierungs­formen, die ich kennengelernt habe. Die späteren europäischen Erfahrungen haben diese Weisheit in keiner Weise erschüttert.

Konstantinopel macht aber gleichzeitig in mir von neuem das Gefühl des Islams lebendig. Der Weltglaube, der Panislamismus, der Wunsch, den islamischen Frieden der Menschheit zu er­schließen, bestimmt jahrelang mein Dasein. Der theokratische Imperialismus des Islams, der innere Friede, den er der Mensch­heit gibt, fesselt mich unwiderstehlich. Das monarchistische Ge­fühl findet auf diese Weise seine theologische und zugleich inter­nationalistische Rechtfertigung.

Die unbekannte Größe Europas zieht mich aber an. Es folgt Italien und die vornehme katholische Klosterschule in Rom, dann Paris, und zuletzt, seit mehr als einem Jahrzehnt, Deutsch­land.

In Deutschland beginnt zuerst die praktische Politik. In einer dunklen, verrauchten Kneipe im Norden Berlins versammeln sich die wenigen Panislamisten. Unsere Zahl wächst, im ver­rauchten Zimmer werden alle Sprachen des Orients gesprochen, hin und wieder auch deutsch. Wohl die Hälfte der Anwesenden sind englische oder russische Spione. Der Anführer ist ein indi­scher Eunuch, der gleichfalls später in englische Dienste tritt. Wir alle zusammen treiben Politik, der Krieg hat uns alle irgend­wie aus der Bahn gebracht, Verschwörungen werden organisiert, Attentate vorbereitet und nicht ausgeführt, Aufrufe verfasst. Ich halte Vorträge über das Kalifat und schreibe Gedichte. Zugleich immatrikuliere ich mich bei der Universität. Die Semester rollen ab, ohne eine wesentliche Spur zu hinterlassen. Die praktische Politik beginnt mich zu ekeln. Der praktische Panislamismus artet in Klatsch, gegenseitige Verleumdungen und Misstrauen aus. Der praktischen Politik folgt die praktische Literatur, das Stadium, in dem ich mich auch gegenwärtig befinde, ohne es bis jetzt bedauert zu haben. Ich bin deutscher Schriftsteller. Die vie­len Völker, die ich besucht, die vielen Ereignisse, die ich gesehen habe, haben mich zum vollendeten Kosmopoliten erzogen. Doch liebe ich Deutschland, weil es (lache da, wer lachen will!), das bestorganisierte und bequemste Land der Welt ist, was ich im Gegensatz zu den meisten jungen Zeitgenossen keineswegs als ein Manko empfinde. Im Gegenteil; ich erdreiste mich, gerade darin die eigentliche Aufgabe eines jeden Staates und die primi­tivste Vorbedingung jeglicher Kultur zu erblicken.

Weshalb ich heute, trotz des jahrelangen Aufenthaltes in einer Republik, Monarchist geblieben bin und mit jedem Tage immer monarchistischer werde? Diese Frage ist nicht schwer zu beant­worten. Die heutige Welt steht vor zwei großen Gefahren: des Bolschewismus und des alles überwuchernden Nationalismus. Gegen diese beiden Gefahren kenne ich nur ein Mittel — die Monarchie, allerdings die wahre Monarchie und nicht ihre ver­fassungsmäßige, national begrenzte, wilhelminische Abart. Was ist die wahre Monarchie? Für mich ist sie das einzige über­parteiische, überstaatliche und übernationale Prinzip, mit dem die Menschheit erfolgreich regiert werden kann. Ich weiß: die Menschheit zerfällt in Völker, die Völker in Klassen. Doch ist die Klasse keineswegs die letzte Teilung der Menschheit. Außer dem Klassenkampf gibt es einen Kampf der Parteien innerhalb einer Klasse und den Kampf der Führer innerhalb einer Partei. Die Monarchie, ein legitimes föderatives Imperium mit dem Monar­chen als einem gänzlich klassenlosen, beinahe übermenschlichen Gipfel der Menschheitspyramide, ist der gegebene Ausweg für die Menschheit, die an Parlamentarismus, Nationalismus, Bol­schewismus und ähnlichen Relativitäten leidet. Zur Rechtferti­gung dieses Standpunktes könnten Traktate geschrieben und Vorträge gehalten werden. Meine Absicht ist das nicht, denn ich versuche prinzipiell nie einen politisch Andersgläubigen zu überzeugen. Nur das eine muss hervorgehoben werden: in der heutigen Zeit wird der Begriff der Monarchie oft mit dem Be­griff der Diktatur verwechselt. Nichts ist fehlerhafter! Diktatur und Monarchie sind absolute Gegensätze, schon deshalb, weil die Diktatur sämtliche Schattenseiten einer Monarchie besitzt, ohne auch nur einen einzigen ihrer Vorteile aufzuweisen.

Phantasien? Vor einigen Jahrzehnten lebte in der Stadt Zürich ein armer Mann mit einer großen Glatze. Er lebte in den be­scheidensten Verhältnissen und phantasierte. Selbst der Polizei erschien er als ein harmloser Phantast. Dieser Mann hieß Lenin. Seitdem ich dieses weiß, glaube ich an keine unerfüllbaren Phantasien mehr.

 

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